Die Wiedergeburt der Empörung

Klenkes, Titel, Juni 1986

Es gibt keine Skala, mit der man das Wenigerschlimmsein von Fukushima im Vergleich zu Tschernobyl messen kann.

Wenn man aber nach Lehren aus der neuen Katastrophe sucht, sollte man zurückblättern.

Das Papier ist gelb und riecht alt. Jahrgang 1986.

Es ist die Klenkes-Ausgabe vom Juni. Titel: „TSCHERNOBYL Das Ende aller Illusionen“. Damals war ich zwölf Jahre alt. Und ich weiß noch, dass nach dem GAU die Milchverpackungen anders aussahen als vorher. Von dunkelblau zu hellblau, und dass das Wort „Entwarnung“ darauf stand. Und dass meine anderthalbjährigen Zwillingsschwestern nicht im Sandkasten spielen sollten.

Klenkes, im Sommer vor 25 Jahren. Auf Seite 19 ist eine Risikotabelle von der taz aus Berlin abgedruckt: „Sandkästen können zumindest teilweise dekontaminiert werden. 95% des radioaktiven Cäsiums befinden sich momentan in einer Tiefe von 0-35 cm. (…) Mit einer Wassergabe von 10 Liter pro Quadratmeter werden Strontium und Cäsium in eine Tiefe von mindestens 80cm verlagert.“ Meine Eltern haben auf dem Land in Heinsberg-Dremmen weder Klenkes noch taz gelesen.

Vielerorts wurde nach Fukushima die Frage aufgeworfen, was uns die Geschehnisse nun lehren. Ich bin nicht willens, die Antworten, die vielen toten Sätze von Experten in mein Hirn zu lassen. Geschweige denn sinnvoll wiederzugeben. Sie tragen nicht zu meiner Meinungsbildung bei. Es mag seltsam klingen, aber dieser alte Klenkes tut das. Da steht alles drin. Und das ist so unendlich traurig. Hier stehen all die Zweifel, die Ängste, die ganze Wut und Empörung, die Argumente gegen Atomkraft. Und das ist so traurig, weil da steht es auf gelbem, stinkendem Papier: Auch nach Fukushima werden wir nichts lernen.

Ich blättere und lese. „So sinnlos, die Arme schützend um mein Kind zu legen.“

„Der Unfall macht erschreckend deutlich: es gibt keine sichere Atomenergie.“

„Es gibt bis heute keine Stellungnahme der Aachener Ärztekammer.“

„Wir müssen vor den Folgen eines Nuklearzwischenfalls kapitulieren.“

„Tschernobyl zerstört die Illusion, durch bewussten Lebenswandel, gezielten Konsum, eigenes Handeln noch irgendetwas drehen, steuern, auswählen zu können.“

Verbrauchertipp für Lebensmittel bis 1.7.1986. Kategorie: sehr hohe Strahlenbelastung – in geringen Mengen nur von Erwachsenen zu verwenden: Blattgemüse, Frischkäse, Innereien von Rindern, (…) Rindfleisch, Milch.

Ich blättere und lese. Wie im Stadtrat die damals noch keineswegs verheirateten (heute ja auch nicht mehr) Fraktionen von Grünen und SPD das Ende der Beteiligung der Stawag an einem Hochtemperatur-Reaktor in Hamm-Uentrop fordern. Die CDU lehnt das ab. Eine Anzeige auf Seite 10 stellt im Namen vieler Aachener die gleiche Forderung. Unter anderen Rudi Zins, Gisela Nacken, der Maler Eric Peters, die liebe Waltraut Hoven. Ja, Waltraut Hoven, ich stelle mir vor, wie sie heute resolut und widerspenstig das Mikrofon ergreifen würde, um zu sagen: Leute, empört Euch!

Empört Euch! Das habe ich vor gut einer Woche bei der Geburtstagsgala von Amnesty International in Köln gehört. Indignez-vous! Von Stéphane Hessel. In Deutsch erschienen bei Ullstein, 3,99 Euro, kostet nichts, 23 Seiten. Vorgelesen unter anderem von Herbert Grönemeyer und dem Dichter Michael Lentz. „Wir müssen radikal mit dem Rausch des ‚Immer noch mehr‘ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben. (…) Denn uns drohen schwerste Gefahren, die dem Abenteuer Mensch auf einem für uns unbewohnbar werdenden Planeten ein Ende setzen können.“

1986. 2011. Moratorium. Moratorium ist Wahlkampf. Aber das klingt schon besser als „Brückentechnologie“. Brückentechnologie stammt aus dem Manipulationswortschatz der „unheiligen Allianz von Technik und Kapital“, wie Michael Jäger sie im „Freitag“ treffend beschrieb. Diese Allianz, die davon lebt, uns immer wieder in den Käfig ihres Realismus zu zwingen. Die, nach Erich Fried, den Realismus retten will und nicht die Welt. Die unsere Ängste als Kampagnen-Briefing versteht und dann mit JungvonMatt-BILD-Scheiße die Stadt tapeziert. Um dann wieder Kasse zu machen, Kasse, Kasse, Kasse.

Dieter Nuhr sagt auf einer Bühne, es sei zynisch, angesichts Fukushima zu sagen: „Siehste!“ Hahaha, ich lach mich tot. Was bitte ist es, wenn sich Ian Hore-Lacy, Sprecher der internationalen Atomlobby-Organisation World Nuclear Association hinstellt und sagt: „Kernenergie ist unsere Zukunft. Das gilt jetzt genauso, wie es vor Fukushima galt.“ Und was machen die Männer in den dunklen Anzügen, die die Deutungshoheit über das Thema „Zukunftsfähigkeit“ besitzen? Sie schicken arme Schweine mit Wasserpistolen in den Kampf mit dem glühenden, Gift spuckenden Dämon.

Verwarnte Milch, damals. Abgepackte Reisballen, heute. Die Stadtverwaltung Tokio gibt 240.000 Flaschen Wasser an Familien mit Kindern aus. „So sinnlos, die Arme schützend um mein Kind zu legen.“ Ich blättere und lese das Editorial, und die Gleichzeitigkeit von einem anderen Ereignis macht mich sprachlos: „Die USA werfen Bomben auf Libyen – eine Inszenierung zur weltweiten Eingewöhnung in den neuen Stil, mit Terrorismus Außenpolitik zu betreiben. Mit Bomben zerplatzen auch hier Illusionen.“ Das Papier ist gelb und riecht alt. Noch einmal: Empört Euch!

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