„Ich halte das aus“

Als Karl Lagerfeld gefragt wurde, warum er eigentlich Mode macht, hat er geantwortet: »Ich habe nie etwas anderes gemacht. Fragen Sie eine Nutte, warum sie anschaffen geht. Weil es sich so ergeben hat, aufgrund bestimmter Umstände.« Lutz Bernhardt hat eine Prostituierte gefragt, wie sich sowas ergibt. Für NEO, Schwerpunkt Arbeit.

Zimmer 14. Anna macht gleich Feierabend. Sie will noch schwimmen gehen. Sie ist mittel groß und trägt ihre dünnen blonden Haare offen. Sie ist schlank, ihre Haut ist gebräunt, ihre Hände gepflegt. Zahnarzthände. In der Luft eine Mischung aus Gerüchen: Seife, Teppichboden und Parfüm, Hermès „Un Jardin sur le Nil“, ein Geschenk. Neben dem Bett Dildos, ein Körbchen mit Kondomen, eine Rolle Küchentücher.

Anna, Hure, das darf man sagen?

Nein, Prostituierte.

Nutte?

Nein.

Mädchen?

Ja, Mädchen ist charmant. Oder Damen, ja die Damen.

Deinen Arbeitsplatz, wie nennst du den?

Mein Arbeitszimmer.

Bordell? Oder Puff?

Puff. Das ist so.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich fange morgens an und habe abends Feierabend, von Acht bis Acht. Ob ich verdient habe oder nicht. Ich komme morgens, ziehe mich um, also meine Arbeitskleidung an, ich sitze im Fenster, ich esse mein Frühstück und ich warte. Ich gehe nicht gerne raus in die Stadt während meiner Arbeitszeit. Dann kannst Du Kunden verlieren. Also ich sitze dort und warte. Und habe oft Langeweile. Ich lese Zeitung, mache Rätsel, unterhalte mich ein bisschen mit anderen Mädchen, spiele auf meinem iPad (lacht).

Machst Du eine Mittagspause?

Nein, ich arbeite durch. Wenn ich essen will, bestelle ich schnell was oder mache mir etwas warm. Von zuhause bringe ich mir auch oft Salat mit oder Suppen.

Wann guckst Du zum ersten Mal auf die Uhr?

So gegen vier, fünf Uhr, dann denke ich, wann ist endlich Feierabend? Aber wenn ich viel zu tun habe, geht der Tag schnell rum. Dann bist du lustig und gut drauf. Aber wenn Du stundenlang sitzt und wartest, das ist sehr langweilig. Ich muss was tun. Sonst tut mir der Hintern weh, der Stuhl ist nicht sehr bequem.

Was trägst Du bei der Arbeit?

Ich bin ein bisschen älter jetzt. Ich sitze also nicht mehr im Bikini im Fenster, das kann ich nicht mehr. Deshalb trage ich Negliges oder kurze Röcke mit Oberteil. Solche Sachen, meistens in schwarz.

Wieso schwarz?

Du kriegst nicht viel in anderen Farben. Schwarz macht die Männer geil, glaube ich. Im Sommer trage ich allerdings auch oft helle Sachen. Dann sitze ich auch draußen auf dem Hocker. Denn dann kannst Du Dich mit den Männern schneller unterhalten.

Du arbeitest von acht bis acht. Und freitags ist Dein kurzer Tag …

Ja, Freitag nur bis zwei. Und selten auch mal am Samstagmorgen.

Was machst Du am Wochenende?

Ich gehe drei Mal ins Fitnessstudio. Freitags mache ich meinen Wocheneinkauf, Lebensmittel und so. Dann meine Hausarbeit, putzen, waschen, ich wasche auch meine Sachen von hier zuhause. Ich wohne in der Stadt, also gehe ich auch viel Spazieren.

Ist privater Sex anders als beruflicher?

Ich habe keinen Freund im Moment. Ich bin seit einem Jahr alleine. Wenn Du Sex mit Deinem Freund hast, dann ist das mit Liebe. Weißt Du? Ich mag keine Küsse hier. Es ist hier weniger zärtlich. Manche Kunden sind zärtlich, aber zuhause passiert es mit Herz. Hier ist es mein Beruf.

Wollen die Kunden immer Sex?

Nein. Ich habe einen Kunden, der küsst meinen Fuss, meine Beine. Ich habe einen, der mag meine Haare. Es ist nicht immer Sex. Manchmal nur Handmassage.

"Freitag ist mein kurzer Tag". Annas Arbeitszimmer, seit 15 Jahren. (Foto: Lutz Bernhardt)

Was kannst Du am besten?

Französisch. Ja, ich bin bekannt bei meinen Kunden. Ich mache das allerdings nicht ohne Schutz. Die Leute sagen, ich mache das sehr schön, weich, zärtlich, nicht bababa, schnell fertig und weg.

Gibt es Leute, die abstruse Sachen verlangen?

Ja, mit der Zeit habe ich das einfach akzeptiert. Manche mögen einfach Beine, Haare und so weiter. Ich habe einen, der sitzt auf meinen Knien und ich muss ihm Kinderlieder vorsingen.

Gibt es hier so eine Art Puff-Idylle oder Romantik?

Hier gibt es keine Romantik. Ich gehe aber auch nicht durch die Straße. Sehr selten. Vor allem abends gar nicht. Hier hat sich viel verändert.

Was hat sich verändert?

Es ist schwer, Geld zu verdienen. Die Frauen machen es zu billig und ohne Schutz. Und die Männer Fragen für mehr. Früher hat selten einer gefragt: Küsst Du mich? Machst Du anal? Ich mache das nicht, aber viele tun das, und dann für das gleiche Geld.

Wie sind Deine Preise?

Ich sag: 30. Das ist eine normale Nummer, 20 Minuten. Früher konnte man bei 30 Euro noch sagen, entweder französisch oder richtig. Heute musst Du zum Teil beides machen.

Wird auch am Fenster gehandelt?

Ja. Aber ich bin nicht mehr zu Kompromissen bereit.

Wann ist Dein Service ein guter Service?

Wenn die Männer zufrieden sind. Manche geben mir automatisch 50 Euro und sagen: Machs Dir gemütlich. Wenn sie nicht zufrieden sind, musst Du 20 wieder zurückgeben. (lacht) Sie wollen, dass man sich Zeit nimmt, schön langsam.

Kannst Du Dir die Kunden aussuchen?

Ja. Wenn ich einen Kunden nicht will, dann gucke ich weg oder sage einfach nein. Diese Freiheit nehme ich mir.

Du bist selbständig und hast keinen Zuhälter?

Ja, ich arbeite allein.

Wie bist Du in den Beruf gekommen?

Durch meinen Exfreund. Er hatte Berührung mit der Szene und sah diese Arbeit als völlig normal. Und über ihn habe ich viele Leute kennen gelernt, die im Puff gearbeitet haben. Und dann brauchte ich einmal sehr viel Geld und bin schließlich geblieben.

Wofür brauchtest Du Geld?

Wir hatten ein Restaurant in Spanien eröffnet. Das lief nicht rund und wir sind in die Pleite gegangen.

Aber man entscheidet sich doch nicht einfach dafür, in den Puff zu gehen?

Das war nicht einfach. Das erste Mal war sehr strange. Aber ich bin eine … ich kann das aushalten und dann … durchgehen. Wenn ich das muss, dann mache ich es.

War das für Dich nicht eine Frage der Moral?

Natürlich. Manchmal ist es das immer noch. Ich sitze hier und frage mich, warum tue ich das? Bist Du blöd? Aber … das halte ich aus. So ist mein Charakter.

Warum bist Du dabei geblieben?

Ganz einfach. Wenn ich aufhöre, was sollte ich dann machen. Wo gehe ich dann hin? Ich bin nicht die jüngste. Für mich eine normale Arbeit zu finden ist mittlerweile sehr schwer. Ich denke schon, in ein zwei Jahren bin ich weg …

Aber das denkst Du immer wieder …

Ja. (lacht)

Aus was für einer Familie kommst Du?

Aus einer ganz normalen. Mein Vater war LKW-Fahrer. Meine Mutter hat früher mal in einer Fabrik gearbeitet. Aber danach jahrelang nicht. Meine Familie hat keine Ahnung von meinem Beruf. Sie denken, ich arbeite in einer Kneipe.

Wurdest Du streng erzogen?

Nein. Wir, meine zwei Brüder und ich, waren gute Kinder. Wir haben uns benommen. Es war eine liebevolle Erziehung würde ich sagen.

Keiner aus Deiner Familie weiß, wie Du Dein Geld verdienst?

Keiner. Sie wären geschockt.

Ist das nicht manchmal für Dich ein Bedürfnis, zu sagen, was Du tust?

Ja.

Was machst Du dann?

Ich lüge ein bisschen.

Du machst das seit 15 Jahren. Hast Du noch nie jemandem die Wahrheit gesagt?

Nein.

Macht es Dich nicht einsam, wenn Du mit niemandem über Deine Arbeit sprechen kannst?

Ja. Das macht mich einsam. Aber egal mit wem man letztlich spricht, keiner würde das verstehen, es gibt so viele Vorurteile: die Frauen nehmen alle Drogen, es ist Gewalt im Spiel, alle haben einen Zuhälter und so weiter. Bei mir ist das aber anders: Ich komme morgens und gehe abends. Das ist meine Arbeit. Keiner befiehlt mir irgendwas.

Kannst Du Deine Arbeit mit Respekt vor Dir selbst machen?

Schwere Frage.

Hast Du manchmal Probleme damit, Dich im Spiegel zu betrachten?

Nein. (lacht) Doch, aber das liegt daran, dass ich langsam alt werde. Nein, ich kann in den Spiegel gucken. Aber – wie gesagt – ich frage mich schon ab und zu: Was machst Du hier?

Möchtest Du etwas zum Schluss sagen?

Wir sind normale Menschen. Das möchte ich sagen.

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