Theater Aachen: Themenwoche „Motortown“

Erst Frieden, dann Versöhnung

Eindrücke von der Podiumsdiskussion zum Thema „Nach dem Krieg“ am 14. Januar 2009 in Aachen. Die Veranstaltung ist Teil der Themenwoche „Motortown“ mit Bezug auf das gleichnamige Theaterstück von Simon Stephens (Premiere, 17. Januar 2009, Theater Aachen; Premierenkritik in der Februarausgabe des Aachener Stadtmagazins Klenkes).

Thema verfehlt, trotzdem massig gute Gründe, die Diskussionsveranstaltung „Nach dem Krieg“ im Theater Aachen als spannend und lehrreich zu bezeichnen. Im Rahmen der Themenwoche „Motortown“ ging es an diesem Mittwochabend laut Untertitel um die individuellen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges.

Im Mittelpunkt der Betrachtung sollten dabei vor allem deutsche Soldaten und die Bewältigung ihrer Einsatzerlebnisse stehen. Und das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Militär sollte auf´s Tableau – vor dem Hintergrund, dass der Bundestag zwar mehrheitlich Kriegseinsätze deutscher Soldaten in der Vergangenheit entschieden hat, die deutsche Bevölkerung nach diversen Umfragen aber auch mehrheitlich dagegen ist, ein viel versprechender Debattenansatz.

Auf dem Podium nahm Platz, was Veranstalter gerne hochkarätig nennen: der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, der oberste deutsche ISAF-General, Egon Ramms, und der Friedensforscher Andreas Buro. Zur vierten Stimme formierte sich im Saal zu einem späteren Zeitpunkt der Verein Aachener Friedenspreis, dessen Mitglieder an diesem Abend offensichtlich eine Menge loswerden wollten – richtig abgearbeitet haben sie sich in ihren Statements. Mit Ausnahme des Vorsitzenden, Otmar Steinbicker, der sich kein Mal zu Wort meldete und das Geschehen vom Rand links außen verfolgte.

Debatte über den Oberkrieg

Über weite Strecken der über dreistündigen Veranstaltung gelang es Moderator Bernd Mathieu (Chefredakteur von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten) nicht, beim Thema zu bleiben. Zwar behielt er die Gesprächsführung in der Hand, vielleicht etwas süffisant, aber er konnte nicht verhindern, dass aus „Nach dem Krieg“ schließlich „Vor dem Krieg“ wurde. Angesichts der aktuellen Gewalt in Gaza und der Anwesenheit von Avi Primor musste es auf eine mythenschwangere Grundsatzdebatte über den Nahost-Konflikt hinauslaufen. Den Oberkrieg. Übrigens war das sicher nicht die Schuld des eloquenten und trennscharf formulierenden Politikwissenschaftlers.

Auch Egon Ramms wurde durch die meisten Publikumsfragen gezwungen, über anderes zu sprechen, ja, sich als Soldat und für die deutsche Sicherheitspolitik zu rechtfertigen. Schade, die Aachener glänzten vielfach durch Halbwissen und spielten oft auf der Gemeinplatz-Orgel, von „Kampf um`s Öl“-Phrasen schwappte es atmosphärisch (und verbal) bisweilen in übelste Israel-USA-Weltverschwörungsphantasien.

Nicht einfach also. Und spannend, weil die versammelten Positionen erstmal keine Gemeinsamkeiten erkennen ließen – abgesehen davon, dass wir uns ja alle letztlich den Weltfrieden wünschen.

Es standen sich deutlich die Pragmatiker Ramms und Primor einserseits und der intellektuelle Buro auf der anderen Seite gegenüber, deren gemeinsamer Nenner sicherlich die persönliche Erfahrung mit Krieg und Kriegsfolgen bildet. Mit extrem auseinanderweichenden Lösungsansätzen: Buro beispielsweise wollte von Anfang an den Blick eher auf´s große Ganze lenken und das einzelne Soldatenschicksal nachrangig betrachten. Aussöhnung first, kleinteilige Partnerschaften bilden, im Konflikt mit dem anderen den Menschen und nicht den Feind sehen. Dann käme der Frieden.

Frieden erzwingen

Nein, erwiderte Primor. Erst muss Schluss sein mit dem Geballere, wenn nötig mit noch mehr Geballere als Sieger hervorgehen, so der Standpunkt. Frieden erzwingen, wenn einem Fanatiker gegenüber stehen. Da helfen keine Sozialstudien, machte auch Ramms klar. Man müsste erstmal einen Gesprächspartner haben, bevor Gespräche möglich sind. Frieden durch Sieg, dann Versöhnung, nur so könnte es gehen. Die Geschichte Israels, die Verträge mit Jordanien und Ägypten  mögen so einen Schluss zulassen.

Und das andere Thema, die deutschen Soldaten? Und ihre posttraumatischen Belastungsstörungen? Weit über tausend gäbe es, sagte Ramms offen. Während er für das Totschweigen dieser Fälle die Politik verantwortlich machte, wurden aus dem Publikum auch die Medien kritisiert. Hier übrigens reagierte Mathieu ziemlich unsouverän und sparte nicht an Eigenlob für die Berichterstattung seiner Blätter. Nun denn. Dieses Thema blieb – auf deutsche Soldaten bezogen – jedenfalls dünn: Kurz und ohne Details schilderte der General, wie das übliche Verfahren abläuft, um Persönlichkeitsstörungen festzustellen. Mehr nicht. Weder der Moderator, noch das Publikum verlangten danach.

Traumatisierte Soldaten – in Deutschland kein Thema

Primor führte aus, wie eine Gruppe israelischer Soldaten derzeit mit einer Ausstellung („Bruch des Schweigens“) in seiner Heimat für Aufsehen sorgt. Diese Männer zeigen die schlimmen Dinge, die auf ihr eigenes Konto gehen, wen sie tyrannisiert haben, mit welchen Mitteln. Auf diese Weise zwingen sie die Öffentlichkeit in die Auseinandersetzung, raus aus der Isolationshaft des seelischen Knasts.

Er erklärte, dass es eine Brutalisierung in der Gesellschaft in seiner Heimat gebe, die sicherlich mit dem Identifikationsproblem junger Menschen zu tun habe. Mal bin ich Soldat und schieße um mein Leben, dann komme ich nach Hause und alles ist sauber und geordnet. Und keinen interessiert, was mir widerfahren ist, was ich getan habe.

Lehrreich war der Abend allemal. Mutig von der Initiatorin Ewa Teilmans, Männer von diesem Format auf die Bühne zu holen, die alle reden können und polarisieren. Sympathiepunkte lassen sich nach einem solchen Abend aber nicht verteilen. Auch ist nicht zu erwarten, dass ein Besucher mit einem veränderten Weltbild das Theater verlässt. Ist auch nicht der Anspruch. Der Regisseurin ging es um die Auseinandersetzung -– und die hat sie bekommen. Wenn auch ohne eine Spur Konsens am Himmel.

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